GESCHRIEBENSTEIN Nr 12, 1993

"draußen vor der Tür "

von Thomas Vlassits

Draußen vor der Tür blieb auch die Künstlerinitiative '91/'92?...Es ist nichts weitergegangen.
"Bundesmittel würden zur Verfügung stehen, wenn das Land sich beteiligen würde". (Hans Rochelt).
Zwei Konjunktive in einem Satz.
Das Burgen-Land hat nichts getan für die zeitgenössischen Kunstformen. Obwohl es eine gesetzliche Grundlage gibt. Bundesmittel fließen oft nur auf verschlungenen Pfaden von Wien nach Eisenstadt, manchmal sind sie an bestimmte Namen gebunden, aber in jedem Fall soll und muß die Initiative vom Burgenland ausgehen. Allerdings hat die offizielle Kulturpolitik ihre Prioritäten, die allgemein bekannt sind und bei denen es auch noch nie echte finanzielle Probleme gegeben hat, und wenn, wurden sie nicht an die große Glocke gehängt. Mörbisch, Haydn, Landesausstellung und wie sie alle heißen, die Fispunkte der heimischen Kulturszene, die schon mit wenigstens eineinhalb Beinen im Reich der Operette und des Tourismus stehen, glänzen weiter und weiter. Der kulturpolitische Status quo muß bleiben, um jeden Preis. So schaut's aus.

Im Sommer 1991 entfachten 120 Kunstschaffende aller Sparten und Richtungen und jeden Alters einen "...Blitzschlag" (Peter Wagner). Gefordert wurde, mit eindeutiger Vehemenz und Direktheit, eine Stellungnahme vom Land Burgenland. Ob es denn von Bedeutung sei, daß das Burgenland auch über Künstler verfüge, die dem Land bei seiner Identitätsfindung helfen, ja die Identität wesentlich mitgestalten könnten. Nicht nur "Lustige Witwen" und "Bollwerk Forchtenstein". Es gab den Offenen Brief an den Landeshauptmann, es gab Gespräche mit ihm und der zuständigen Landesrätin. Man "einigte" sich nach aberwitzigen Worttiraden auf eine schriftliche Stellungnahme des Landes, die bis heute nicht erfolgt ist.

Die Tür blieb zu.

Das hat unter den Künstlern nicht für einen Aufschrei gereicht. Stumm blieb man vor verschlossener Tür stehen und verstand bestenfalls die Welt nicht mehr. Schon sehr bald gruppierte sich die 120-Künstler-Schar. Vorausschauer für die Kulturpolitik. Ein Vorausblick als Strategie, denn die Informationen darüber, wer von den Initiativlern nicht doch schon einmal 'was gekriegt hat und wieviel und wer nicht...? Frau Landesrat sprach es im Geschriebenstein-Interview (Heft Nr. 11) unverblümt und ohne Namen aus. K:...Da waren Leute drauf, da habe ich mich gefragt ..., das sage ich auch dazu." G: "Keine Namen?" K: "Nein. Die haben Wünsche, die kann ich einfach nicht realisieren. Ihr denkt jetzt sicher nicht an die Leute, an die ich denke." G: "Kann sein." K: "Die Namen kennt's ihr gar nicht. Aber einige sind mir aufgefallen, wo ich mir gedacht habe, das kann doch nicht ..., das ist unmöglich. Da brauche ich mein ganzes Kulturbudget."

Und vor allem wuirden es weniger und weniger. Solidarität gab es nur beim schon erwähnten Blitzschlag. "Aber das Gewitter fand nie statt, es reichte nicht einmal zu einem Donner". (Peter Wagner). Solidarität nur im Bereich des Möglichen und der Möglichkeiten. Als dann die Tür zublieb, wollte oder konnte man die Wirklichkeit des "Noch einmal Anklopfen, vielleicht um eine Spur heftiger" nicht m,ehr in Angriff nehmen oder ertragen.
Dann waren es nur noch vier oder fünf Aktivisten und selbst die so ziemlich genau zweigeteilt. Die einen auf der Suche nach Konzillianz, nach Kompromissen, vielleicht tut sich doch einmal 'was und die anderen mit allerdeutlichsten Merkmalen der Resignation. Man wendet sich anderen Dingen zu. Die einen wollen Briefe schreiben (bezugnehmend auf einige Krammer-Aussagen in oben zitierten Interview). Die anderen fragen "...schon wieder soll ich einen Brief unterschreiben?"

Ist "draußen vor der Tür" etwas geworden, was für beide Seiten mehr oder weniger akzeptabel ist?
Ist es der Umstand, daß man einfach aneinander vorbeiredet, ohne etwas dafür zu können?
Status quo heißt: Manche kriegen, manche nicht.
Heftigeres Anklopfen provoziert so etwas wie eine Auseinandersetzung oder mehr.
Der Aufschrei prallt ab. Die Tür bleibt geschlossen.

Und wen kümmert's schon. Man hat ja ohnehin soviel um die Ohren. Die Erinnerung an eine profil.Karikatur kann wach werden, kulturelle Vielfalt und Präsenz, wohin zumindest 5 Augenpaare blicken. Und dann gibt es ja noch den Umstand, daß die burgenländischen Künstler keine politischen Vertreter haben. Sowas wie eine Lobby.

Wenn ein Peter Wagner sich aufreibt zwischen den Türen und Angeln der offiziellen Stellen, ist vermutlich nur unschwer einzusehen, daß ein Künstler nicht auch der sein kann, der sein eigenes Werk verkaufen muß. Die Zeiten sind schon lange vorbei.
Wenn ein Hans Rochelt ungemein nachdenklich wird und den Weg des geringsten Widerstandes sucht, ist das schon ein Akzeptieren der Strategien, die Wahl der gleichen Waffen?
So ist denn eine weitere Möglichkeit den "Bach hinuntergegangen", und als gewissermaßen außenstehender Beaobachter steht man kopfschüttelnd vor diesem Unvermögen der Kommunikation. Und dabei ist noch kein einziges Wort über Kunst gefallen. Alles nur Bürokratie. Kunst von den Schreibtischen? Kunst im Keller? Kunst in der Werbeagentur? Wem gefällt was?

Künstlerinitiative und Kulturpolitik haben einander verfehlt, es konnte nicht anders gehen.

 


Hans Rochelt (ORF),
Foto: Thomas Vlassits
- Zusammenkunft in der Cselley Mühle
 


link:
Vorgeschichte (Artikel) zum Thema Künstlerinitiative