GESCHRIEBENSTEIN,
Nr.10, 1993 von Thomas Vlassits
Porträt Jenö Takács
"Sie
finden mich bei der Arbeit"
Ein Sonntag Vormittag in diesem
vorverlegten Frühling, 17. Jänner
1993. Professor Jenö Takács arbeitet. Wenn ich mich richtig
erinnere, ein Stück für Horn und Klavier, verschlüsselt auf
Notenblättern - immer mit dem aktuellen Datum versehen. Die Begrüßung
des neuen Tages hat er schon hinter sich. Er folgt dabei einem immer gleich
bleibenden Rhythmus, mit den "Salzburger Nachrichten" als Fixpunkt.
Dann kommt die Post: Die Korrespondenzen reichen in alle Teile der Welt.
Großer Brocken dabei: Die Urheberrechte. Wer spielt wo und wann welches
Werk des Siegendorfer Meisters. Dauernde Kontakte mit seinen Verlegern und
Verlagen, mit Schülern und und und.
Die Lehrer von Jenö Takács
leben nur mehr in Erinnerung des burgenländischen Komponisten. Jenes
Mannes, der nur wie die ganz großen dieses Landes, Haydn, Liszt,...oder
auch Thomas Parits (weil er zufällig auch ein Siegendorfer ist) die
engen Grenzen des Burgenlandes so erfolgreich verlassen hat, das so etwas
wie Weltbekanntheit herausgekommen ist. Denn, wenn der Professor erst einmal
in Fahrt ist, kann man die leichte Verbitterung nicht überhören.
"Der Prophet im eigenen Land...". Natürlich wurde er geehrt.
Am 25. September 1992 feierte Jenö Takács seinen 90. Geburtstag.
Ein Fest von besonderer Dimension. Mir kommt es erst jetzt in den Sinn,
daß mein Gegenüber um mehr als 50 Jahre älter ist. Und eine
Besonderheit ist dem Komponisten bis heute nicht aus der Erinnerung gewichen.
Ein Geburtstagsglückwunsch. Ein Brief unter vielen anderen. Ein Brief
aus dem Büro Landeshauptmann Stix mit Unterschrift desselben. Darin
enthalten "Die Ehrengabe des Landes im Betrag von S 700,--(siebenhundert
Schilling) [Anm.: das entspricht heute einem Betrag von € 50,80], welche
Ihnen in den nächsten Tagen überwiesen wird, stellt eine bescheidene
Anerkennung des Landes dar. ... Mit besten Grüßen Ihr Karl Stix"
Professor Jenö Takács fährt mit der Hand durch die Luft.
"Schauen Sie, ich würde lügen, wenn ich sage, die Anerkennung
nicht gern zu haben. Geld habe ich genug, das brauche ich nicht. Aber wie
man mich hier behandelt..., ich weiß nicht, was ich sagen soll. Meine
Arbeit passiert so und so auf einer anderen Ebene."
Takács setzt sich wieder nieder. Tiefer Sessel, weich. Die Hand auf
der Lehne, die Finger immer in Bewegung, jedoch nicht nervös trommelnd.
Der Pianist beginnt bei den Fingern. Jenö Takács ist ein Mann
des Klavieres. Und zwar einer, der sich durchaus mit den Liszt'schen Dimensionen
messen läßt. Nicht nur deshalb, weil er mit einigen Schülern
des großen Virtuosen und Komponisten aus dem mittelburgenländischen
Raiding persönönlich bekannt war.
"Wie wurde man zu Ihrer Zeit eigentlich Musiker, Pianist?"
Takács setzt ein lausbübisches Lächeln auf. Mühelos
überspringt er 80 Jahre Erinnerung: "Ich habe schon als kleiner
Junge viel Musik gehört. Mein Vater war ein Multi-Instrumentalist und
konnte als Amateur eigentlich vom Stand weg fast alle Instrumente spielen,
hatte auch einen Sinn für ernste Musik. Ich habe die Schlager von damals
gehört und sie nachgesungen, heute noch kann ich das!" Und schon
ist ein Lied auf seinen Lippen, leider nicht auf seinen singenden, sondern
nur auf seinen pfeifenden. "Aber ich war auch ein halbwegs guter Tenor."
Das Geburtshaus von Takács gibt es heute noch. Dort, wo lange Zeit
der "Zuckerhut", ein Gasthaus für Fabrik-(Mit)Arbeiter war.
Geblieben ist allerdings nur mehr die "Geburtsküche" der
ehemaligen Wohnung. Der Rest des Hauses fiel dem Bedarf des Zuckerrübenplatzes
zum Opfer. Das Haus wurde richtiggehend durchgeschnitten. Vater und Großvater
wurden auch in Siegendorf geboren. Der Urgroßvater war ein Italiener
mit dem klingenden Namen Speranza, was so viel wie "Hoffnung"
bedeutet. Speranza war ein Zuckermeister. "Daß ich heute in
Siegendorf lebe, sogar in der ehemaligen Zuckerfabriks-Dienstwohnung meiner
Eltern, ist reiner Zufall."
Weiter in den Erinnerungen des großen, alten Mannes, der erstaunliche
Rüstigkeit an den Tag legt. "Wenigstens etwas", hatte Takács
vor 5 Jahren gesagt, als ihm ein Musikkritiker bei einer schlecht besuchten
Takács-Aufführung in Wien das Attribut "rüstig"
verlieh.
Mit 11 Jahren begann er mit dem Klavierspiel. 1921 Studium an der Hochschule
für Musik und Darstellende Kunst in Wien, als Schüler von Robert
Marx und Paul Weingartner. 1926 dann der erste und "für mein Leben
lang prägsame Kontakt zu dem ungarischen Musiker und Musikforscher
Béla Bartok." Schon ein Jahr später folgte das erste Engagement
als Professor am Konservatorium in Kairo. Das bis 1932 dauerte. "Es
war eine wunderbare Zeit!" Von 1932-1934 Professur für Klavier
und Komposition an der Universität von Manila. "Auch hier war
die Machtübernahme von Adolf Hitler in Deutschland deutlich spürbar."
Rückkehr nach Kairo bis 1937. "Kairo hatte damals auch den berechtigten
Ruf einer Erholungsstadt. Viele Große der Zeit verbrachten den Winter
in der ägyptischen Hauptstadt. Ich lernte Thomas Mann kennen und Franz
Werfel, der, frisch verheiratet mit der Witwe von Gustav Mahler, in Kairo
weilte. Oskar Kokoschka war auch da. Ich hatte als Professor des Konservatoriums
Zutritt zu vielen Botschaften etc., dieses Kennenlernen war also gewissermaßen
vorherbestimmt. Ja, und die Berufung an die verschiedensten Schulen der
Welt war eigentlich ganz einfach. Man erhielt ein Telegramm. Da stand zu
lesen, daß ich engagiert war, die zu erwartende Entlohnung, Reisespesen,..."
1938 ging es kurz nach Hause, um dann das erste Mal in die USA zu reisen.
Konzerte, Konzerte, Aufführungen. 1941 kam die Berufung an das Konservatorium
Pécs. Der 2. Weltkrieg tobte. Pécs war aber irgendwie weit
weg. Takács hatte als Direktor und Dirigent der dortigen Sinfonie
eine glänzende Position. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau Eva
kennen und lieben. Takács erinnert sich gerne an eine Episode aus
dieser Zeit: "Ich hatte zwar eine Ausbildung in Komposition, aber kein
Diplom dafür. Ich brauch' sowas nicht. Mein Diplom sind meine Werke.
Aber es passierte, daß jemand nach meinem Diplom fragte, weil ich
auch unterrichtete. Das ergab eine heikle Situation. Ich war Direktor und
Dirigent der Sinfonie, meine Werke, mein damiliges Ballett wurden mit gutem
Erfolg aufgeführt, und plötzlich fragt mich jemand nach einem
Diplom." Jenö Takács lächelt auf seine lausbübische
Art. "Rausgekommen ist nichts dabei."
Erst 1948 konnte Jenö Takács ein offizielles Konzertangebot
aus der Schweiz dazu nutzen, Ungarn zu verlassen. "Aber was hat da
auf mich gewartet? Eine hervorragende Position aufgegeben, Ankunft auf dem
Bahnhof in Wien, 2 Menschen, 2 Koffer und keinen Groschen Geld." Aber
bereits 1949 ging's zum zweiten Mal in die USA. Die Konzertreisen führten
den Maestro quer durch die Staaten und wieder zurück nach Europa. Dazwischen
oder parallel oder gleichzeitig ist er "Professor Expert" an den
Konservatorien von Genf und Lausanne. 1952-1970 ist er Professor für
Klavier und Komposition am College-Conservatory der Universität Cincinnati,
Ohio. Ein reichhaltiges Leben, mit vielen Auszeichnungen und Ehrungen. Hier
nur die wichtigsten: Verleihung des Titels "Professor" (1953),
"Großes Ehrenzeichen des Burgenlandes" (1962), "Österreichischer
Staatspreis" (1963), "Landeskulturpreis des Burgenlandes"
(1976), "Ehrenbürger von Siegendorf" (1963), "Ehrenmitglied
des Österreichischen Komponistenbundes" (1987), "Bártok-Pásztory
Preis, Budapest" (1990) und der "Würdigungspreis für
Musik" (1992) vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst,
der mit öS 100.000,- [Anm.: entspricht heute € 7.276,-] dotiert
ist. Das Gesamtwerk von Jenö Takács wurde damit gewürdigt.
1970 folgte die endgültige Übersiedlung nach Siegendorf. Seit
22 Jahren lebt Takács nun wieder im Burgenland. Er erinnert sich
an ein Gespräch mit dem damaligen Kutlurlandesrat Fred Sinowatz, der
ihm eine Stelle als "Direktor, Berater oder auch nur Lehrer" am
damls gegründeten Haydn-Konservatorium in Eisenstadt in Aussicht stellte.
Sinowatz wurde Kanzler, Takács wurde nicht Direktor.
"Es hat sich eigentlich nie jemand darum gekümmert, ob ich eine
Pension bekomme. Die Tantiemen für meine Arbeit gefallen nur der Steuerbehörde.
Und das Geschäft mit Musikverlegern ist auch nur dann möglich,
wenn man sie auf einer freundschaftlichen Ebene abwickeln kann. Einer meiner
Verlage in den USA hatte einem Italiener gehört, die Geschäftsbeziehungen
liefen gut, bis der Verleger verkaufen mußte. Die Filmindustrie hatte
zugeschlagen - und plötzlich war es unbedingt nötig, gute Verkaufszahlen
zu bringen. Die eigene Musik wurde dann plötzlich zu ernst und schwer."
Ein offensichtlich altes wie neues Problem.
Wir haben einige Stunden des Vormittags miteinander verbracht. Oft ist
Jenö
Takács aufgestanden, hat eine oder zwei Runden in seinem Arbeitszimmer
gedreht und hat einige seiner Erinnerungen hervorgekramt. Das Mittagessen
naht. "Nach dem Essen pflege ich zu schlafen, danach kommt ein Spaziergang
mit meiner Frau, nachher wieder Arbeit. Am Abend schauen wir uns meistens
nur die Nachrichten im Fernsehen an, außer es gibt etwas interessantes
wie z.B. die "Piefke-Saga". Oder es gibt ein Konzert im Radio.
Wir werden auch sehr häufig besucht. Manche Gäste sind tatsächlich
willkommen, manche weniger."
Unser Gespräch geht zu Ende. Wir gehen hinaus. Die Sonne scheint. Es
ist warm. "Es schaut so aus, als ob die Vögel dieser vorverlegten
Frühlingsstimmung auf den Leim gehen", lächelt der Professor.
"Oh, jetzt habe ich Ihnen gar nichts angeboten." "Oh doch,
Ihre Zeit."
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