GESCHRIEBENSTEIN,
Nr.16, 1994 "Tanz im Spinnennetz"Viele
bezeichnen das Projekt als ehrgeizig. Manche sahen es. Das Prinzip
Hoffnung gibt Anlaß zu
derselben "Friedenskultur II" - manchmal war das Verstehen dafür, daß es aus der Friedenskultur eine Fortsetzung mit der Beifügung II wurde, tatsächlich so, daß aus dem Reden über Frieden das dazu unbedingt notwendige Tun folgen könnte, sollte oder müßte. Dies war nur bedingt der Fall. Nicht deshalb, weil die "Friedenskultur II" so gut wie ohne Öffentlichkeit auskommen mußte - mit Ausnahme der Premieren hielt sich das Interesse in Grenzen. Öffentlichkeit gab es nur über die wenigen Medien des Landes, und selbst heuer beschränkte man sich zum größten Teil nur auf das unbedingt Notwendige. Der Rest der umfangreichen Thematik blieb Gesprächen im Freundeskreis vorbehalten. Und der Friede in den eigenen vier Wänden führt meist nur zur "gesunden Watsch'n" - hin und retour sogar vielleicht! Aber das ist nicht so allgemein zu sehen wie zu sagen. Man versuchte im Offenen Haus Oberwart, den Frieden öffentlich zu machen, transparent, einsichtig, dramaturgisch, diskussionsartig und musikalisch ... Ein Anliegen, das, wenn es seine Richtung nicht verfehlt, mit der Heiligsprechung enden muß. Kann auch nicht ausgeschlossen werden. Die Geschichte des Menschen ist die Geschichte seiner Kriege. Vor dem Jugoslawienkonflikt gab es in Europa (Mitteleuropa) noch nie eine derartig lange friedliche Periode. Der Zweite Weltkrieg war eine Zäsur. Warum, so wurde in der Produktion die Frage gestellt, warum gab es nie und gibt es noch immer nicht eine Geschichte des Friedens? Warum ist die Geschichtsschreibung des Friedens bisher noch nie passiert? Die Antwort ist, so fürchte ich, ebenso brutal wie einfach. Der Friede ist langweilig. Es gibt viel weniger Worte dafür als für den Krieg und es gibt viel weniger Tränen im Frieden. Wehrdienstverweigerer erhalten das Stigma des Versagens, im Krieg jenes des Verräters. Sie wollen sich nicht für den Schutz des Vaterlandes aufopfern. Und wie wurden all jene belächelt, die es beispielsweise in den 60er Jahren mit "Peace now" versucht haben. So zu sein, daß man den Konflikten aus dem Weg geht, wird als der Weg des geringsten Widerstandes höchstens Mittelschülern zuteil. Note "befriedigend" bis "genügend". Sieben Teile für die Friedenskultur II. Begonnen mit dem Genre-Theater - geendet mit jenem des übersteigerten Theaters, dem Oratorium. Von "orare" - beten. "Ora et labora" ein christlicher Grundsatz fällt einem ein. Beten und arbeiten, man hat es getan im OHO. Denn wer hat schon so viele Gedanken verloren an einen Krieg, der nicht kommen soll. Im Burgenland ganz gewiß niemand. "Die Geschichte vom kleinen Soldaten", der an die Fäden des Krieges gebunden ist, von ihm erzogen wurde, begeistert ist und tatenfreudig. Immer schon wurden die Heranwachsenden von morgen herangezogen. Besonders die Wirtschaft versucht ihre Kunden zu erreichen, und Wirtschaft und Krieg waren in allen Zeiten gute Partner. Der kleine Soldat kommt aber durch, sieht gewissermaßen dem Krieg in die Karten, erkennt zum Teil dessen Träume, in denen auch keine Waffen mehr verkauft werden (müssen). Prinzip Hoffnung. Großartige schauspielerische Leistungen transportieren dieses. Der Schritt in dieses unwirkliche Prinzip gelingt mit Kapitel I. "Amen sam so amen sam" (Wir sind so, wie wir sind). Ein wunderbarer Film mit vielen Ebenen und nachhaltigen Bildern. Er ließ die Schere zwischen Dokumentation und Traum offen, formulierte den Anspruch an Anspruchslosigkeit, konnte in seinem Wesen die Ankündigung von "der Vergangenheit und Gegenwart der Roma" in die filmische Tat umsetzen. Man sah nach der Premiere, mehr noch als bei den anderen Premieren, die Menschen zusammenstehen und miteinander reden. Das Bild der Roma im Burgenland, seit dem 16. Dezember 1993 als sechste Volksgruppe nach den Kroaten, Slowaken, Slowenen, Tschechen und Ungarn in österreich offiziell anerkannt, wurde im Bereich von Hans Panners Film vorweggenommen. Kapitel 3 ist gut. "Zaungäste": Bildende Künstler aus Bosnien, Serbien und Kroatien hätten zusammen eine Ausstellung gestalten sollen. Na ja, sie kamen auch, aber nicht alle. Leiter von Kapitel 4, Wolfgang Horwath, konnte im Verlauf der Vorbereitungen nicht müde werden zu erzählen, wie sehr sich das Wesen Krieg auch in der Bildenden eingenistet hatte. Nur per Fax konnte man eine Zusammenkunft der Künstler aus den verschiedenen Volksgruppen arrangieren. Die Zaungäste, die gekommen waren, mußten die Bilder von der Position hinter dem Lattenzaun betrachten. Gut aufgebaut, die Bühne gut gewählt. Dazu die Musik von Wolfgang R. Kubizek, die den Anwesenden durch Mark und Bein ging. Man war erschüttert, man erschütterte sich selbst - die beste Art, eine Warnung der bildenden und darstellenden Kunst aufzunehmen. "Der Tanz im Spinnennetz - Inszeniertes Oratorium". Das Spinnennetz als tierische Struktur des Beutemachens, des Überlebens. Wunderbar kann es in gut geführtem Licht glänzen. Seine Geometrie ist perfekt, tödlich und undurchlässig, schön. Netz hat mit Fangen und Gefangensein zu tun. Hier wurde ein Tanz versucht. Einerseits in Anlehnung an die unabänderliche Geometrie als kreativer roter Faden. Andererseits mit der großen Sehnsucht ausgestattet, den Aufbruch wagen zu können. Aus dem Netz, durch die Netze gehen, Prinzip Hoffnung, die Möglichkeit hinter dem Krieg, hinter die Bewußtseinshaltung des Beutemachens. Kemal Mahmuteffendic, Peter Wagner & Co. gelang ein Meisterwerk an Dualität, poetischer Spannung und Zusammenführung verschiedener Stilelemente. Zudem gab es erstmals auch eine echte Zusammenarbeit zwischen dem Landessüden und dem Landesnorden, wenn auch nur punktuell. Die Musik von Christian Fennesz, wesentlicher Teil des Oratoriums, sprach diese Verbindung aus. Ein weiteres Miteinander zwischen Norden und Süden, der Einsatz des Stilmittels Tanz, scheiterte eigentlich nur an Terminkollisionen. "Suse moga naroda". Wer die schwer- und sanftmütige Seele der slawischen Sprache in seinem Blut und in seinem Herzen spürt, kann weinen mit den geschundenen Völkern. Die andere Seite, die Wirklichkeit des Krieges vor Ort, hat auch diese Schwermut, dieses unendliche Selbstmitleid, die furchtbare Suche nach der Schuld, die nur beim Anderen liegen kann. Die Realität des Krieges im ehemaligen Jugoslawien liefert uns Beispiele von so brutaler Dimension, von solcher Härte der Auseinandersetzung, wie es sie nur im tiefsten Mittelalter gegeben hat, Foltermethoden von genial bestialischer Tiefe. Oh Gott, bist du wirklich groß?! Die Tränen eines Volkes wurden beim "Inszenierten Oratorium" geradezu "weinbar". Die Anwesenheit bei einer der Vorstellungen muß einem die Seele aus dem Leib gerissen haben, falls Seele vorhanden. Wenn nicht, wurde sie vielleicht dort geboren. Das "Inszenierte Oratorium" war wirklicher Höhe- und Schlußpunkt. Kapitel 7. Wer kann den Wert dieser Produktion "Friedenskultur II" in Zahlen gießen? Wer es beurteilen? Sicher nicht das Land Burgenland. Das Team des Spinnenetzes hat es gewagt, dem Wort Frieden echte und neue Tiefe zu geben: das Prinzip Hoffnung. Danke. |
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Thomas Vlassits |
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links: Friedensuniversität Schlaining Kulturverein Österr. Roma Verein Roma ORF Volksgruppen Offenes Haus Oberwart Peter Wagner - Website Wolfgang Horwath - Website Wolfgang R. Kubizek - Website Christian Fennesz Hans Panner |
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