GESCHRIEBENSTEIN, Nr.8, 1992

"schlagzeile" - von Thomas Vlassits

Es beginnt mit dem Wort mit unglaublich vielen Gesichtern. Ob Balkenlettern, Headlines, Über- und Unterschriften. Die deutsche Sprache hat den Begriff mit dem wohl bestmöglichen Wort, Schlag von schlagen, versehen. Immerfort werden wir von diesem Schlag getroffen. Der Marktschrei der Sensationen geht über alle Schranken hinweg, nichts ist heilig, nichts unwürdig genung, um Einhalt zu gebieten. Keine Moral in dieser G'schicht.

Der Medien- und Blätterwald, Größe und Schriftart, dazu noch Farbe und allerdeftigster Inhalt schlagen zu. Möglichst gerade, möglichst magengrubig, möglichst treffend. Und viele werden zu Gläubigern des Marktgeschreies, werden zum Markt.

Die Schlagzeile macht Schlagzeilen.

Werbespots und Covergestaltung, Aufmacher und Enthüller. Panikmache und Tränendrüse. Voyeurismus, sex and crime. Demagogie und Propaganda. Opener und Ouvertüren. Platten und CD's. Bücher und Zeitschriften. Die Entgegnung (ein österreichisches Kleinformat steigerte seinen Umsatz um 15 % - "Wahr ist viel mehr!").

Die Information.

Große Zeitungen beschäftigen ganze Schlagzeilenabteilungen, die sich mit der Kunst, ja Kunst, des ersten Blickes herumschlagen, auseinandersetzen und damit kreativ sind. Manche sind geradezu spezialisiert darauf, dick und groß ganz tolle Stories zu versprechen, um dann nichts davon halten zu können. Profis. Mit jedem Mittel. Alles mit dem Ziel: Herausfordern, aufmerksam machen. "Lies mich! Sieh mich! Hör mich! Greif mich an! Riech mich! ...am besten alles auf einmal - und vergiß nicht, mich auch zu kaufen!"

Diese Kopf-Linien wollen uns durchbohren oder machen uns gleichgültig. Wer wühlt sich schon jeden Tag durch die Fülle von Sensationen aller Art. Längst schon haben die Schlagzeilen-Strategen erkannt, Abwehrmechanismen des Konsumierenden, Lesenden, Hörenden usw. geschickt zu umgehen. Der Kampf ums Unbewußte, Kindliche, Trieb- und Traumhafte, Erotische und Sexuelle, um Lust und Unlust tobt immer heftiger. Das Fernsehen ist davon durchsetzt, aber Regenbogenpresse, Tageszeitungen und Journale folgen auf dem Fuß. Nicht nur im Bereich Werbung. Ausnahmen sind rar. Sie bestätigen trotzdem die Regel.

Die ganze Welt ist Public Relation (PR=Öffentlichkeitsarbeit, und vielleicht ganz wörtlich: öffentliche Verwandtschaft). Der Kampf um die Marktanteile wird immer härter und brutaler (der neue Markt im geöffneten Osten). Was da nicht alles verkauft wird, was im goldenen Westen längst verboten ist. Jedes Kabarett wird mühelos überholt.
Schlagzeilen und Zensur (KGB, Ex-Jugoslawien, Kuweit, Falkland,...) und jene der Enthüllungen und Realismen (Watergate, Vietnam, Serbien, AKH oder Weinskandal,...). Eigentlich - wie leicht lassen sich all diese Worte aneinanderreihen, sprechen von den ungeheurlichsten Dingen. Wahrheit und Lüge sind kaum noch zu unterscheiden, überfluten Bewußtsein und beschneiden die Sprache. Menschen werden zu gesichtslosen Wesen, nur noch in immer mehr oder weniger großen Massen und Zahlen gemessen. Oft genügt z.B. die Zahl der Leser und die entsprechende Zeitung hat damit die "Wahrheit" auf ihrer Seite. Die Masse ist der Beweis. Es kann doch nicht unwahr sein, was über 1 Million Menschen lesen und glauben?

Die Sprache: Sie wird auf den Punkt gebracht. Je kürzer umso besser. Die Slogans, die Logos, die Markennamen,...es zählt nur noch, was besser 'rüber- oder durchkommt. Zum Betrachter.

Die Sprache stirbt. Die Differenzierungen bleiben immer mehr aus, ein Krieg ist beinahe "nur" mehr so viel wert wie ein Hurrikan, verhungernde Kinder als Opener auf dem Bildschirm sind besser als miteinander spielende, oder die geschundene Kreatur Speisefleisch beim Transport zum Schlachthof. Wozu hier die Sprache?

Die Wahrheit "only bad news are good news" wird zum Greifen nahe.
Schlagzeilen sind grau- und unaufhaltsam. Es ist müßig, an dieser Stelle Beispiele zu nennen. Jeder, der diese Zeilen liest, wird sich leicht aus dem Stegreif jede beliebige Schlagzeile ins Gedächtnis rufen können.

Eine, die mir jetzt, genau jetzt, eingefallen ist, ist ein Buchtitel: Gabriel Garcia Marquez "Chronik eines angekündigten Todes".

 
SFOR-Presseausweis für
Ex-Jugoslawien, 97