GESCHRIEBENSTEIN
Nr 5, 1992
"RobertoS. Burgenland "
von Thomas Vlassits
Robert
Schneider, Schützen am Gebirge. Knapp über 40 Jahre alt.
Keramiker, Bildhauer, Musiker, Philosoph der "eigenen Art", "König
der Funktion"
und schon immer Haudegen der burgenländischen Kunsszene.
Diese Geschichte kann und will nicht mehr sein als eine Detailaufnahme.
Robert Schneider wollte schon vor 20 Jahren ein Lehmhaus bauen, "oba
damois woa i a Irra und kan Mensch hot ma g'laubt." Heute sind Lehmhäuser
gar nicht mehr so selten. Robert Schneider weist am Anfang unseres
Gespräches darauf hin, seine Lehrerinnen von damals, im Kloster von
Steinberg, ob seiner Persönlichkeitsstruktur zu befragen. Robert
Schneider hat tiefe Wurzeln und sie ragen dennoch weit aus der Erde
heraus, auf der er bis jetzt gewachsen ist.
Man kommt in den Hof des Hauses Eisenstädterstraße 54 in Schützen am Gebirge,
nachdem man kurz zuvor an einer vogelscheuchenartigen Figur vorbeigegangen
ist. Diese Figur ist ein Wegweiser, der vor eingen Jahrzehnten vielleicht
den Wanderer ins Haus gelockt hätte. Heute liefert sie den vorbeigleitenden
Autofahrern den Hinweis, daß hier etwas Außergewöhnliches passiert. Ein
geräumiger Hof. Das Haus des Vaters Josef, das Keramikatelier seiner Lebensgefährtin
Eveline Lehner. Am Hofende das "Roberto-Haus". Ein großes, dreieckiges
Fenster fällt auf. Oben.
Unten eine große Werkstatt, jede Menge Materialien jeglicher Art. Ton,
Eisen, der Brennofen, fertige und halbfertige Objekte, Skulpturen, Fliesen,
Kacheln, Öfen und eine Fülle von Werkzeugen. Im Hof davor dieselbe "Tonart".
Hier wird gearbeitet. Und wie!
Besessen - wovon?
Oben die Wohnebene. Tochter Caroline, zwei oder mehrere Katzen, ein Wellensittich,
der sich leicht verkühlt und sehr zutraulich ist (es dauerte nicht lange,
und er saß auf meiner Schulter, er nahm auch auf meinem Kopf Platz, aber
da hatte ich was dagegen - sehr zum Vergnügen von Tochter Caroline).
Man "kriagt a Glasl Wein".
"I hoit des Wort Kultur net aus, weil i kana Lobby ang'hör'", beginnt Schneider
gleich mit einer Breitseite. Er, der sein Leben lang nichts anderes "getrieben"
hat. Das erste Straßentheater in Eisenstadt; Musik bei den "Rocks" (legendäre
Schützner Rockband); die Initiative in Großhöflein mit Sepp Laubner; Filmversuche;
natürlich das Projekt Cselley Mühle, von dem nicht einmal einer sogar nicht
gewußt hat, was er da eröffnet. So "nebenbei" Ausbildung zum Keramiker,
Ofen- und Bühnenbauer.
"Imma hob' i Bühnen gebaut, und imma wollte i auftretn, oba nur maunchmoi
bin i dazua kumma."
Roberto S. stand zwar nicht gerade selten auf einer Bühne (hier kommt seine
"unrichtige Bescheidenheit"), aber seine Auftritte stehen in keinem Verhältnis
zu seiner Arbeit. Seine Bühnen sind anders. Beispiel: Riesen-Keramik-Relief
für die Fassade des Krankenhauses Kittsee, Beispiel: Wohnzimmer eines Hauses
der nahen oder auch ferneren Umgebung - ein Kachelofen Marke Schneider,
Beispiel: fahrbarer Backofen auf der Donauinsel in Wien oder im Hof der
Cselley Mühle.
"I hob nie Ausstellungen g'mocht, und erst gestern hob i wos verkauft,
wos i scho 25 Joahr hob. So hob i des g'lernt. Zuerst Fliesen machen und
dann erst Häferl, die i vielleicht net verkaufen kann."
Schneider arbeitet immer. Selbst wenn er nur an seiner Zigarre zieht, sich
in ein Gespräch "unter Freunden" vertieft, an seinen Ideen viea Tagtraum
bastelt. Wir sitzen noch immer am Küchentisch. Ein Schluck Wein. Die Musikkonserve
bietet Tom Waits an. Passend. "Genau so wia der singt, kaun i a sein."
Auch passend!
"I bin froh, daß i des Meiste von dem, wos ma erklärt worn is, net verstandn
hob."
Wir schlagen ein nächstes Kapitel auf, jene kuriose Mischung des Robert
Schneider, eine Mischung aus Autodidakt und begierigem Schüler sein zu
können. Es gibt einfach Reviere, in denen Schneider ohne Grenzen ist, und
es gibt auch solche Bereiche, innere und äußere, in denen er nur zuhören
kann, nur vom Gegenüber lernen will. Ob es ein Baum ist oder eine Farbe,
eine Form oder eine Erdhöhle. Ebenso kurios wohl auch die nächste Mischung:
"I bin a Einzelgänger, oba i oabeittotal gern mit andere Leute zusammen,
beides entspricht meinen Möglichkeiten."
Leicht gerät Roberto S. ins Schwärmen, wenn nur einmal das Wort Rock'n'Roll
fällt - und Rock'n'Roll heißt im Klartext: "The Rocks". Es ist jetzt schon
ein halbes Jahr her, als Robert Schneider in der Cselley Mühle all jene
Musikgruppen aus Seiner-Zeit zusammengetrommelte und mit ihnen ein Konzert
gab, das die "Post-68er" aus dem Burgenland aus "den Socken hob". Und Schneider
ließ es sich nicht nehmen, sich wieder einmal seinen Bart abzurasieren,
seine Haare auf "Graham Bonney" zu stylen und die gute alte Glockenhose
auszupacken, ja, sie sogar neu schneidern zu lassen. Und die Stiefel mit
den Podestsohlen. Wer weiß, wer Seiner-Zeit die Vorbilder für ihn waren.
Später, in der "Müh" hat er dann einige kennengelernt und mit ihnen "einen
gehoben". Mit Eric Burdon, Roger Chapman, John Lord und Joe Cocker...
Auch das jetzt der Anfang eines neuen Kapitels: Roberto S. und die Cselley
Mühle. Sie muß, obwohl nicht Inhalt dieser Erzählung, dennoch ausdrücklich
erwähnt werden. Zwei Jahrzehnte intensive Zusammenarbeit mit "de Leit
durt. Des woar und is a Wauhnsinn. Kreativität und Teamwork. Kloa, a Gschäft
is a. Oba wenn ma waß wia's geht und vor allem, wia's gehn kennt, der waß,
daß ma des Göd net so wichtig is. Mein Kapitel is mei Zufriedenheit. I
hob andere Werte. I bin gegen Engstirnigkeit und Verbohrtheit. Wenn i mi
amoi net mehr weiterentwickeln kann..., i waß net! Für mi gibt's des net,
daß wos net gibt. Daß wos net geht."
Und hier könnte sich der kleine Bogen rund um Robert Schneider wieder schließen.
Noch einmal zurück in die Vergangenheit, die dem "Wurzel-Schneider" so
wichtig ist. Als "KLein-Robert" acht Jahre alt ist, geht er mit seinem
Vater "zum ersten Fernseher in Schützen" und bekommt dort, wie "zufällig",
seinen ersten Picasso zu sehen, "den Stierschädel, waßt, wie a Rennrodel-Lenker.
I waß net, oba do hob i g'sehn, wos der Picasso so drauf hot. Diese Mischung
aus Abstrakt und Konkret, dieses Sich-Immer-Weiterbewegen, diese beständige
Arbeit am Werk. Wenn's amoi a Vorbüdwirkung geben hot, dann woa des da
Picasso."
Von seinen Plänen, Projekten oder Werken zu reden, dazu sind wir gar nicht
gekommen. Auch nicht dazu, einen Blick auf Schneiders verpaßte Gelegenheiten
zu werfen. Die gibt's natürlich auch. Immer wieder spricht er von den "Ideen
für 5 Millionen Schilling, und das sofort". Aber diesen Gedanken kennen
wir alle und Schneider weiß´das. Und er weiß auch, daß mit derartigen Hirngespinsten
kein Staat zu machen ist. Deshalb denkt er jetzt ans schlafen gehen. Ich
übrigens auch, es ist spät geworden. Die Familie Schneider ist mittlerweile
komplett, Tochter Caroline schläft schon lange. Der Wellensittich, dessen
Name vielleicht noch nachzutragen ist -"Luigi" - schläft auch schon. |
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