GESCHRIEBENSTEIN
Nr. 21, 1994
"Ich will mit einer Frau auch
über Gedichte reden "
von
Thomas Vlassits
Christian "Humphrey" Pogats. Funkberater, Sänger und
Schauspieler. Eisenstadt
Rock'n'Roll ist und bleibt unverwüstlich! Landesfeiertag
- Martini - 11. November 1994. In der Cselley Mühle Oslip geht das "andere" Martini-Fest
ab. Und wie!
Mit dabei auch "Humphrey Pogats und die Funkberater",Rock'n'Roll aus
dem Burgenland. Auch oder wenn es sich "maximal um den sogenannten Edelkommerz
handeln sollte". Präzise und professionell, gediegen und mit der Wucht eines
Wasserfalls auf das Publikum ausgestattet. Vieles wird "nur" nachgespielt - und/aber
auch das will und muß glernt sein. "Loud and proud", die alte Phrase für den
Rock, wenn einem die Worte ausgehen, "groovie", für den technischen Wert und
"heavy" für die künstlerische Gestaltung. Viele Komplimente auf einmal, aber
wenn man oder frau dabei gewesen ist, auch dort, wo auf den Tischen getanzt wurde,
auch dort, wo sich einem das Herz im Leibe umdreht und man den Frohsinn mit der
Hand begreifen kann, dann hat man sich "Humphrey und seine Funkberater" reingezogen.
Kaum hält man eine Steigerung für möglich - und doch ist es so - kommt die letzte
der Zugaben, die ohnehin schon längst gefordert und noch länger einprogrammiert
sind. Die Blicke der Musiker auf den Bühneneingang gerichtet, "i glaub', jetzt
fehlt nur mehr der eine, Christian Pogats, genannt "Humphrey", vermutlich wegen
dem Bogart aus "Casablanca". Jetzt ist er allerdings weit weg von dieser Rolle,
die vielleicht wegen der Coolness, auch seine eigene Jugendrolle war. Denn Christian
Pogats hat sich in den Frank'n'furter verwandelt, kommt mit Strapsen und Stöckelschuhen,
Nylonstrümpfen und tiefem Dekollté raus, sodaß für eine Sekunde im Stadl der
Cselley Mühle die Ruhe eines unmittelbar bevorstehenden Herzinfarktes vermutet
werden kann. Humphrey Pogats, der Ober-Funkberater hat es wieder geschafft. Schon
bei seinem dritten Schritt auf der Bühne hat er sie alle überzeugt, sie liegen
ihm zu Füßen, sie jubeln und johlen dem "sweet transvestite" zu, als ob sie alle
das Ufer wechseln wollten und auch würden.
"Humphrey" Pogats - der Transvestite dauert viele Minuten lang, viele halten
es nicht mehr aus, wie man so sagt, sie schreien noch mehr, und alle hören mit
und lassen sich das Lächeln im Gesicht verewigen.
Dann geht er von der Bühne, alle sprechen von ihm, alle wollen ihn kennen, die
meisten tun das auch, ist er doch ein "Hiesiger", der in Eisenstadt und Umgebung
und vielleicht auch im Burgenland seine Wurzeln sucht. Viel zu oft wird er so
etwas wie mit jemandem vewechselt: "Mich kennen sie alle, von der Schule, von
früher, von irgendeinem Auftritt. Aber wenn ich auf der Bühne bin, kann ich nicht
auch im Publikum gleichzeitig sein. Die vielen Schulterklopfer und Gratulationen
sind o.k. und bisweilen anstrengend. Wenn ich nämlich etwas im Leben nicht mag,
ist es der Umstand, daß man - und klarerweise auch ich - sich wichtig macht.
Ein guter Gig macht nun mal bekannt und immer bekannter. Wenn ich dann ab und
zu jemanden nicht erkenne, der mich begrüßen will, tut mir das leid. Aber ich
bin deshalb nicht überheblich oder beginne mit Star-Allüren. Häufig kann ich
mir das dann auch anhören, das kann ich nicht leiden."
Geboren 1967, Widder, harter Kopf und weiche Seele, beschreibt Christian Pogats
seinen Werdegang am liebsten mit dem Wort "Zufall". Zufällig mit seinen beiden
jetzigen Genres Singen und Schauspiel in Berührung gekommen und entdeckt, daß
hier seine Begabungen liegen könnten. Vorerst. Schnell kapiert, daß sie hier
nicht nur liegen könnten, sondern auch tatsächlich liegen. Erste Theatererfahrungen
in einer berühmten Jesuitenschule in Wien, vertieft sich in verschiedne Rollen.
Der nächste Zufall bringt ihn macht ihn zum Schüler des Musikkonservatoriums,
bringt ihn in so manchen Backgroundchor und läßt ihn immer intensiver daran denken,
daß die Bühne eigentlich schon immer eine ganz gewisse, subtile und, "wenn ich
genauer hinschaue, unwiderstehliche Anziehungskraft" auf ihn ausgeübt hat.
Jemand, der so präzise sprechen und nachdenken kann, kennt auch die Erinnerung,
daß seine Eltern, die in Eisenstadt ein Geschäft betreiben, nicht unbedingt mit
seinen Berufswünschen einverstanden waren, die sich schon sehr früh in Richtung
Bühne orientierten. Aber sie, die Eltern, haben ihn nie behindert, auch nicht
gefördert, sondern haben ihrerseits den harten Kopf ihres Sohnes akzeptiert und
ihn gehen lassen. Heute sind sie dafür umso stolzer auf ihn. Ein Anruf bei seinem
Vater - der Sohn ist im Moment permanent auf Achse - und die väterliche Auskunft
"daß er zur Zeit im Schauspielhaus Graz ein Musical "West Side Story" probt",
gibt diesen Hinweis auf den berechtigten Stolz des Elternhauses.
"Hochstaplertum und Interventionen hat es bei uns zuhause nie gegeben. Jeder
Schritt mußte Hand und Fuß haben. Ich habe bis heute um keine einzige Rolle gebuhlt,
kann Protektion nicht leiden."
Manchmal, wenn er ganz einfach in der Szene herumkrebst und den einen oder anderen
berühmten Kollegen von der Bühne zufällig oder auch weniger zufällig trifft,
fällt er natürlich auf. "Wos, den kennt a?!" Und die Neider stehen schon in den
Startlöchern: "Eh kloa, mit de Connections kaunnst leicht 'wos wer'n."
Weit gefehlt. Pogats ist ein Working-Typ. Schon seine, jedem auffallende Rastlosigkeit,
sein beständiges Suchen nach den besten Ausgangspositionen, seine ungetrübte
Suche überhaupt - und vermutlich auch nach sich selbst - kann dem geübten Beobachter
nur eines signalisieren: Da ist Feuer im Herzen, da ist bedingungslose Kreativität,
da ist das dementsprechende Engagement, und da ist nicht zuletzt auch der nötige
Ehrgeiz für den eigenen Weg. Die Entscheidungen sind gefallen, die ersten Schritte
in die richtige Richtung gegangen.
"Ich bin sicher kein Angeber, ich bin nicht religiös, aber gläubig, ich halte
die vielen oberflächlichen esoterischen Menschen nicht gut aus, halte das sogar
für gefährlich, und ich habe totale Angst vor dem Versagen auf der Bühne. Wenn
man sich auf einen Auftritt vorbereitet und die Nummern stundenlang einstudiert,
daß man beim Gig selbst kaum mehr glaubt, ihn noch durchzustehen, habe ich irrsinnige
Angst. Wie leicht kann das dann schiefgehen."
Ist noch nicht oft passiert.
Zwei kelien Kapitel bleiben noch für diesen Rahmen. "Humphrey" Pogats und die
weniger öffentliche Seele auf der Bühne und doch auch Bühne. "Ungemein gern singe
ich Chansons. Brel, Wecker oder Van Veen, obwohl ich mit dem Terminus Liedermacher
überhaupt nichts anfangen kann."
Die leise Seite eines gar nicht leisen Typen.
Immer wieder wird er auch von ganz kleinen Veranstaltungen oder Lesungen agezogen,
wo es ausschließlich um Inhalte geht, z.B. Brecht-Rezitationen, die "ich ausschließlich
als - wenn man so will - politische Botschaften transportieren würde und dabei
schon auf furchtbares Unverständnis gestoßen bin", sind ebenso darin enthalten
wie die stille Beobachtung der Szenen verschiedenster Kunstrichtungen.
"Es gibt eigentlich sehr viele Künstler im Burgenland, die mir wichtig sind,
von deren Initiativen ich glaube, daß sie unumgänglich sind. Als Beispiel kann
ich hier nur die Csellyisten von Oslip nennen, oder die Edition NN Oslip. Diese
Menschen haben für das Land, in dem sie leben, Großartiges geleistet. Und ich
habe einen OLiteraten als Freund, mit dem ich mich mit Vorliebe auf der sportlichen
Ebene messe."
Als Funkberater ist Pogats Profi mit Freude und Freunden.
Als Schauspieler ist er zur Zeit noch in den Nebenrollen, "auch wenn ich mit
Starregisseuren arbeiten kann und darf und muß".
Als Sänger ist er bisweilen zu Gast bei Vickerl Adams "Halluzination Company".
Und als eigenständiger Musiker bereitet er ein Projekt vor, mit eigenen deutschen
Texten und eigener Musik.
Schlußkapitel: "Humphrey und die Frauen".
Auf den ersten Blick ist er das, was man einen Sonny-Boy nennen könnte, einer,
dem die Mödchenherzen geradezu zufliegen, und er sie auch auffangen kann - wenn
er will.
Aber einen Schritt hinter dieser Fassade taucht ein Christian Pogats auf, der
bis an die Grenzen der Unsicherheit schüchtern ist, der sein Herz, wenn es einmal
entflammt ist, ganz in die Hünde der großen Liebe legen kann.
"Ich will mit einer Frau auch über Gedichte reden!"l
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