GESCHRIEBENSTEIN Nr. 16, 1994

"Körper drücken Seele (r)aus" - von Thomas Vlassits
Der freie Tanz des Bertl Gstettner

"Es war wie im Kino, vielleicht . Ich war 21, ich wußte nicht weiter, nur soviel, daß mein damaliges Leben in Purbach am See und Umgebung so nicht weitergehen konnte. Ich wußte nichts vom Tanz, ja, Ringereia oder Ballett, nicht mehr. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich eine Ahnung davon hatte, was freier Tanz überhaupt sein kann." (Moderner Tanz, Tanztheater, dramaturgischer Tanz, abstrakter Tanz, zeitgenössischer Tanz ...)

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'Es folgen Monate des "Chaos und des nicht ganz Verstehens meiner damaligen Umgebung, bis hin zur Mißbilligung. Aber es dauerte nicht lang." Es gab und gibt keine Ansätze und Ambitionen von Bertl Gstettner in Richtung Ballett, wo die meisten Spitzenleute mit 30 Jahren ihren Spitzensport nicht mehr ausüben können. Dennoch hat Gstettner sie alle durchgemacht, die Vokabeln der Tanzsprache: Show, Straßenperformance, Galerie, eigene Stücke. Er sieht sein zweites Leben mit den Augen des Tänzers, Choreographen und Hoteliers. Sein Studio im 10. Wienr Gemeindebezirk ist in einer ehemaligen Zuckerfabrik. Ein riesiges Gelände, ein beeindruckend stiller Schornstein, wie ein kleiner, nicht mehr aktiver Vulkan. Großer Hof, Firmenschilder, Ateliers, ein Kinderladen fallen auf. "Tanz Hotel - 1. Stock links", steht schräg vis-á-vis vom Haupteingang der Heller-Fabrik auf einer Hinweistafel. BG löffelt gerade eine Suppe.
Tanz Hotel: Verein, seit 2 Jahren Basis für die Zusammenarbeit von mehreren TänzerInnen, noch kein fixes Ensemble, aber bald. Von Subventionen abhängig (Stadt Wien, Bund), derzeit keine Gefahr, daß diese Gelder eingestellt werden, "ganz im Gegenteil". Geräumig das Studio, "zwar nicht für Vorstellungen geeignet, aber ideal für den handwerklichen Teil des Tanzes. Spiegel, Holzfußboden, hell. Für Übungen, Training und Choreographie. Ein kleines Büro, Computer, Telefonanrufbeantworter. Eine kleine Küche, ein Eßtisch. Zwischendurch kommt eine Kollegin vorbei.

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Reden über Tanz, da könnte man gleich versuchen, mit Worten zu tanzen. Aber das geht nicht.

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Der Tanz ist eine der ursprünglichsten Ausdrucksformen der Menschen. Ein Ritual. Weit zurückliegende Wurzeln. Vielleicht noch vor der Sprache, vor dem Handwerkszeug, vor dem Singen und Zeichnen entstanden. Bei der Vorbereitung zur Jagd versuchten unsere Ur-, Ur- Urahnen die Bewegung der zu jagenden Tiere nachzuahmen, vielleicht, um deren Gunst herbeizubeschwören. Doch auch zum damals schon sogenannten Vergnügen wurde der Körper bewegt, mehr oder weniger rhythmisch. Sogar beim heutigen Clubbing kann man die verborgenen Sehnsüchte der Menschen beobachten, den Ritualen von damals nachtanzen.

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Vor der Bewegung, die zum Tanz des BG wird, bedarf es der Stille und des Horchens, um Bewegung von innen nach außen zu transportieren. Umsetzen. Das ist die Methode der Ausdrucksuchenden. Dieses In-Sich-Gehen, meditativ oder ekstatisch, machen alle. Der Tanz jedoch ist eine Sonderform. Nie wiederholbar, Choreographien versuchen diese Unwiederholbarkeit zwar zu umgehen, der Tanz, so kommt es aus dem Munde von BG, ist eine "weißglühende Verehrung des Augenblicks. Lebendigkeit als Summe der Augenblicke. Bewegung. Ritual. Sich in einen Zustand versetzen, der für den Körper nicht alltäglich ist." Der Körper wird zum Pinsel oder zur Filmkamera, zu Sprache. BG, ist ein guter Rhetoriker, dessen Vokabeln überall auf der Welt verstanden werden. "Der Tanz ist die beste Form von Kommunikation ohne Sprache."

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"Theater des Augenblicks", Wien am 8. November 1993, 21 Uhr: BG tanzt zur Gitarre von Christian Fennesz (Ex-Maische, Musik zu "Tanz im Spinnennetz - Inszeniertes Oratorium"). Der kurze Zeitraum "beim Tanzen-Zusehen" ist unglaublich intensiv. Ein schönes Stück Zeit. BG solo. Durchtrainiert, professionell, sparsam im Umgang mit Stilmitteln, karger Bühnenraum. Viel Schwarz, keineswegs düster. BG wirbelt umher, wird für Sekunden zu einer Skulptur und hat in einem fort etwas zu erzählen. Das Publikum sperrt Augen und Ohren auf. Man schaut und freut sich. Alles, was Wort heißt, ist angenehm weit weg.
"Ernst Kirchweger Haus", Wien am 18. Dezember, 21 Uhr: Eine Art "Remake" des Tanz Hotel-Stückes "Gastmahl". BG mit zwei anderen Tänzern, schräge Musik, eigenartige Kostüme. Überraschend großes und aufmerksames Publikumsinteresse. Wieder ein schönes Stück Zeit. Drei tanzende Figuren schälen sich durch verschiedene Formen, suchen Konflikte, führen die Zeichen der Gegenwart vor Augen. "Theatro", Graz, am 11. Jänner, 20 Uhr, Premiere "Innerungen", Tanzstück für sieben TänzerInnen, Video und Musik der Freien Tanzszene Graz. Choreographie: Bertl Gstettner. Begeisterte Kritik der Kleinen Zeitung (Colette M.Schmidt). BG:" das war eine Arbeit, die nicht unmittelbar mit meinem Tanzen zusammenhing. Es war die Choreographie für ein Stück, in dem sich die sieben Frauen von der Larve zur Fließbandfrau tanzen."

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Der Tanz als Ausdrucksmittel zwischen Musik und bildnerischer Arbeit. Kreuzungspunkt Bertl Gstettner. Wie geht das? "Stell dir vor, " sagt Bertl lachend, "du stehst auf glühenden Kohlen. Aus diesem Zustand, dieses Bild, entwickelt sich jene Art des Tanzes, die ich meine. Das Bild mit den Kohlen ist zufällig. Die Bewegungen nicht mehr."
Ich verstehe - wirklich!
Auch wenn er danach auf die Vokabeln des Tanzes kommt. Auf Choreographien usw. "Es gibt eine Schrift dafür, aber ich beherrsche sie nicht. Viele der freien Tänzer haben eine ganz persönliche."
Auch geschriebene Worte können nicht tanzen. Ebensowenig kann es das Video eines Tanzstückes. "Live" ist angesagt, tägliches Training vorausgesetzt. ein Repertoire des Körpers entsteht. "Man bekommt Zugang zur körperlichen Chemie und kann dabei Erstaunliches erleben. Ich weiß genau, das ist mein Weg."

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Bertl Gstettner tritt im Feber seine nächste Reise an. Gehört sein Genre doch zur fahrenden Zunft. Gaukler, Akrobaten, Feuerschlucker, ... und freie Tänzer. Es geht nach Hawaii, via San Francisco. "Nicht nur zum Urlauben, obwohl ich das auch wieder lernen sollte, mich von meiner Arbeit zu befreien. Ich will da nicht hineinkippen, mit aller Gewalt Karriere machen."
Eine Tanzkollegin hat ihn eingeladen. Es wird in Hawaii auch einen Auftritt geben. Die Kollegin erinnert BG an seine Studienzeit bei Erick Hawkins. "Er lebt noch, Gott sei Dank. Jetzt ist er 84. Als ich bei ihm studierte war er 78 und kam täglich im Trikot zum Üben, Lernen und Philosophieren. Erstaunlich."
Der Tanz fürs Leben. Auch Bertl Gstettner wird diesen tanzen, obwohl es keinerlei soziale Absicherungen gibt. Das Tanz Hotel läuft gut. Das soll für Gstettner eine Basis werden, der Name Hotel ist dennoch nicht zufällig. Im April tanzt BG in Budapest.


links:
Tanz Hotel - Bertl Gstettner
Tanz - auch für Amateure!

 
links:

!!! BG aktuell, Schauspielhaus Graz

"Die Minderleister", von P. Turrini, Premiere: 20. 4.07,
Choreografie: Bert Gstettner

Tanz Hotel - Bertl Gstettner