| GESCHRIEBENSTEIN Nr.16, 1994 "Gerücht" von Thomas Vlassits "Des hoid i fia a Gerücht." Eine Phrase aus den Alltag. "Man kann davon ausgehen,..." - Phrase, die zweite. "Es wird ruchbar", und "gezielte Indiskretion" sind Phrase drei und vier. Wort, Umstand, Situation und Kommunikation in unserem Leben haben sich die Komponente "Gerücht" längst zu eigen gemacht. Im Englischen heißt Gerücht "rumour" oder "report". Reporter und/oder Journalist können assoziiert werden. "It is rumoured or reported" oder "by hearsay" (hören-sagen). Im Französischen heißt Gerücht "la Rumeur" und kommt von "ruminer", was soviel heißt wie wiederkäuen. Weite Teile des heutigen Journalismus leben vom Gerücht, was gekanntlich bis zu dem hinführt, was man Journaille nennt. Man bläst eine Story etwas auf, läßt mehr oder weniger bewußt bestimmte Teile weg, was tendenziös heißt oder Belangsendung. Und Gerücht hat mit Riechen zu tun. Der Geruch ist jener menschliche Sinn, der mit dem Gehirn am direktesten in Verbindung steht. Der Geruch kann Erinnerungen wachrufen und verdecken, kann Assoziationen auslösen und Speisen identifizieren. Manschen kann man an ihm erkennen, auch oder gerade wenn man sie nicht riechen kann. Diese Gedankenkette könnte man bis zum Parfum fortsetzen, aber dazu gibt es ja ohnehin schon viele Bücher. Manche wurden gar Bestseller. Der Grund für diesen kleinen Exkurs in die Begrifflichkeit des Gerüchtes ist eine Art Selbstkritik. Aber auch eine Kritik daran, wie man heutzutage mit Wahrheiten umzugehen pflegt. Aus den nicht mehr ganz heilen USA weiß man, daß Infotainment alles ist: der Applaus, die Einschaltziffern, die Auflagenstärke. Klatsch, Regenbogenpresse und die besonders in England bekannten, berüchtigten und gefürchteten "sharks" (Haie), jene Unter- oder Oberabteilung der Journalistenzunft, die rund um die Uhr das britische Königshaus beobachten, abhorchen, sekkieren. In Ex-Jugoslawien artet das Gerücht zur Propaganda aus. Und nicht nur dort. Dazu gibt es unzählige Beispiele aus der Geschichte. Wiederkäuen, Geruch, Gerücht. Auch in unserem geliebten Österreich, wo Wahlkampfstrategien wieder ganz auf Heimat getrimmt werden, gibt es jede Menge Gerüchte. "Man kann davon ausgehen", sagte Innenminister Löschnak wochenlang nach den Briefbombenattentaten (die Helmut Zilk zum tragischen und vielumjubelten Helden der Nation machten) sinngemäß, daß die Täter innerhalb der rechtsextremen Szene gesucht werden müssen. Dieser Aussage gingen aber ebenso wochenlange Untersuchungen der Behörden und Recherchen vieler Zeitungen voraus. Ergebnislos. Gerüchte machten einmal einen Türken zum Drahtzieher und legten viele Spuren nach Deutschland. Ergebnislos. Und siehe da, als Helmut Zilk wieder in sein normales Leben zurückzufinden begann, interessierten sich besonders große und spektakulär arbeitende Medien nur mehr für den Gesundheitszustand des Bürgermeisters. Die Hintergründe, die zu den Briefbombenattentaten geführt haben, blieben und bleiben wohl noch längere Zeit Hintergründe. Gerüchte. Oder: Wer hat jemals wieder von den unseliegen Schmierereien im Eisenstädter Judenfriedhof gehört? Wohin haben die Erhebungen geführt, die allesamt von den burgenländischen Behörden in Wien abgegeben werden mußten? Die Pressestelle des Innenministeriums beschränkte sich bis heute auf nichtssagende, aber auch nicht widerlegbare Allgemeinaussagen. Es ist schwer, aus diesen beiden Beispielen, die vermutlich beide mit "Rechts" zu tun haben, eine Art Regelmäßigkeit abzuleiten, daß niemals aufgeklärte Gerüchte in einer Region häufiger sind als in einer anderen. Es gibt noch viel mehr Unaufgeklärtheiten im "ganz normalen Kriminal oder Wirtschaftskriminal". Die Frage "Warum?" bleibt. Selbst den gewöhnlich gut informierten Kreisen konnte nicht entnommen werden, wer oder was bei den Briefbomben Drahtzieher war. Dann folgt in der Regel der große Schnitt, der Alltag schwappt über unseren Köpfen wie eine riesige Meereswelle zusammen und macht uns stumm. Noch schrecklichere Bilder jagen unsere Erinnerungen zum Teufel. Oder wie groß ist der Unterschied zwischen einem verwundeten Helmut Zilk und einem Kriegsopfer wirklich? Die Zilksche Bewegung, wie ich sein "Kreuz-Zeichen" nennen möchte, versetzte einige Dutzend Photographen und Kameramänner- und ebensoviele Redakteure- in einen wahren Arbeitstaumel, deren Ausflüsse in Sondernummern und europaweiten TV-Kanälen immer wieder wiedergekäut und reported wurden. Das blutige Badezimmer machte dann aber allen Gerüchten ein Ende, und man sprach von der exklusiven ganzen Wahrheit über Zilk. Die Hintergründe blieben immer noch solche. Daß in dieser Causa vermutlich (auch nur ein Gerücht?) gleich mehrere PR-Agenturen vortreffliche Arbeit geleistet hatten und dem "event" zu seiner wirklichen Größe verhalfen, liegt fast auf der Hand. Denn die Journalisten der Minderheitenredaktionen des ORF-Steiermark, der Pfarrer von Hartberg, die junge Sekretärin ... kamen nur noch marginal vor. Kein News-Wert mehr. Für mich ist nur soviel klar: Die Briefbomben waren kein Gerücht. [Anm: Ein Journalist ist einer, der nachher alles vorher gewußt hat. -Karl Kraus] |
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Thomas
Vlassits (li.) (...nach der Arbeit ist vor der Arbeit - ist während der Arbeit...) |
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links: Freitag 05/99 - Berliner Zeitung No-Racism-Net |
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