
bvz/Kultur,
3.Nov. 1999
Offener Brief an den Redakteur, Freund, Kollegen, Menschen -
Lieber Thomas!
Bei einer
Gedächtnisrunde in den vergangenen Tagen im verstörten Freundeskreis
tauchte plötzlich die Frage auf; "Was hast du an ihm am meisten
geliebt?" Die Antwort war nicht ganz einfach (so wie auch du nicht
einfach warst!) denn es gibt viele Dinge, die uns für dich eingenommen
haben; Deine Liebe zu den "kleinen Leuten", zu den "Helden
des Alltags", deine Liebe zu unerklärlichen Dingen, deine Offenheit
für künstlerische und besonders musikalische Innovationen, die
du innerhal deiner Möglichkeiten gefördert und motiviert hast,
deine Neigung "hinter die Kulissen zu blicken", den Augenschein
nicht zu wichtig zu nehmen, zu hinterfragen - auch dein permanentes Hinterfragen
menschlichen Seins. Ganz besonders aber liebten wir deine Loyalität,
ob gegenüber Freunden, Arbeitgebern oder Ideen. Du bist zu deinen
Entscheidungen gestanden, hast sie aber nicht leichtfertig getroffen.
Du hattest große Neugier und Respekt gegenüber anderen Menschen,
Meinungen, Einstellungen und Ländern und den Mut, Neues zu entdecken.
Du warst ein Liebhaber guter Küche und guter Literatur und hast
in Diskussionen gerne deine Gedanken und Ideen begründet, du
hattest eine seltene Offenheit für alle Arten von Musik und warst
ein eifriger Konzertbesucher, du liebtest das Theater in allen seinen
Ausdrucksformen und die Kunst und deren Schöpfer. Ich sehe dich
vor mir, eine Woche vor deinem Abflug nach Kreta: die Vernissage eines
Freundes. Du strahltest in bester Laune, wissend, dass dir 14 Tge
Ruhe und Entspannung in Kreta bevorstanden. Du hattest dir einen absolut
ruhigen Ort ausgesucht, wolltest deine Gedanken ordnen und die Umgebung
erkunden. Selber gestreßt,
beneidete ich dich darum, und du lachtest darüber. Diese Vor-freude
ließ dich an diesem Abend gute Laune verbreiten und war ansteckend.
Im Laufe des Abends nahm die Veranstaltung den familiären Charakter
an, den du, wie wir alle, so geschätzt hast. Dies war unsere
letzte persönliche Begeg-nung. Deine unwiderrufliche Abreise
hat ein Vakuum entstehen lassen, dessen Definition mir nicht gelingen
will.
Es gab nie etwas, das ich dir hätte verzeihen müssen. Bis jetzt!
Nun fühle ich mich beraubt! - Ich hör' dich sagen: "Ich
schlag vor, du arbeitest daran!"
O.K., Thomas, ich werde mich bemühen!
M. Stadlmann
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